Schweizer Steuern


Kapitel 2 — Die Schweizer Kapitalertragsteuer

Ehe es ans Eingemachte geht, erklÀren wir den Neulingen, was ein Kapitalgewinn ist.

Stellst du dir vor, dass du Apple-Aktien im Wert von CHF 100 kaufst und ein Jahr spĂ€ter beschließt, sie fĂŒr CHF 150 zu verkaufen. Wir sind uns einig, dass das cool ist, weil du gerade einen Gewinn von CHF 50 gemacht hast, oder?

Nun, das ist ein "Kapitalgewinn".

Du hast Kapital, nĂ€mlich Geld, an der Börse investiert, und dieses Kapital hat einen Kapitalgewinn (hier CHF 50) erzielt, den du dazuerhĂ€ltst, wenn du deine Aktien verkaufst und dein Kapital in bar zurĂŒckerhĂ€ltst.

Eines der Dinge, um die wir in der Schweiz am meisten beneidet werden (abgesehen von Schokolade, KĂ€se, Uhren und allem anderen), ist, dass unser Steuersystem diese Kapitalgewinne nicht besteuert. In unserem Fall mit der Apple-Aktie bedeutet das, dass du CHF 50 rausbekommst – nach Steuern.

Aber, denn es gibt ein "Aber": Du kannst fĂŒr diese Kapitalgewinne steuerpflichtig werden, wenn du als professioneller Investor eingestuft wirst.

Jetzt sagst du dir: "Puh, das ist bei mir nicht der Fall, ich bin gerettet, da ich als Investor ein AnfÀnger bin!"

Sei dir da mal nicht so sicher, denn die Schweizer Steuerbehörden entscheiden je nach den UmstÀnden, unter denen diese Kapitalgewinne erzielt wurden, ob du ein privater oder ein professioneller Investor bist.

Und daraus folgt: Falls du als Schweizer Profi-Investor behandelt wirst, musst du Einkommensteuer auf die CHF 50 zahlen, die du mit deinen weiterverkauften Apple-Aktien verdient hast.

Die 5 Kriterien, die du erfĂŒllen musst, um keine Schweizer Kapitalertragsteuer zu zahlen

Die Schweizer Steuerbehörden, auch bekannt als ESTV, beschreiben in ihrem Zirkular Nr. 36 die folgenden 5 Kriterien, die dich zu einem privaten Investor machen (und damit von der Kapitalertragsteuer ausnehmen), wenn sie erfĂŒllt werden:

1. Die Haltedauer der verÀusserten Wertschriften betrÀgt mindestens 6 Monate

2. Das Transaktionsvolumen (entspricht der Summe aller Kaufpreise und Verkaufserlöse) pro Kalenderjahr betrĂ€gt gesamthaft nicht mehr als das FĂŒnffache des Wertschriften- und Guthabenbestands zu Beginn der Steuerperiode

3. Das Erzielen von Kapitalgewinnen aus WertschriftengeschĂ€ften bildet keine Notwendigkeit, um fehlende oder wegfallende EinkĂŒnfte zur Lebenshaltung zu ersetzen. Das ist regelmĂ€ssig dann der Fall, wenn die realisierten Kapitalgewinne weniger als 50% des Reineinkommens in der Steuerperiode betragen

4. Die Anlagen sind nicht fremdfinanziert oder die steuerbaren VermögensertrÀge aus den Wertschriften (wie z.B. Zinsen, Dividenden, usw.) sind grösser als die anteiligen Schuldzinsen

5. Der Kauf und Verkauf von Derivaten (insbesondere Optionen) beschrÀnkt sich auf die Absicherung von eigenen Wertschriftenpositionen

Wenn du der Mustachian-Methode zur Anlage in ETF folgst, die ich fĂŒr meine Ersparnisse anwende (zusammengefasst unter diesem Link), solltest du dir keine Sorgen machen mĂŒssen, da mein Ansatz folgendermassen ist:

  1. Ich behalte meine Wertpapiere mehrere Jahrzehnte lang, ohne sie weiterzuverkaufen (d. h. mehr als 6 Monate), da der Börsenhandel der beste Weg ist, um Geld zu verlieren und mehr Steuern als nötig zu zahlen
  2. Ich kaufe oder verkaufe nicht mehr als das FĂŒnffache dessen, was ich bereits investiert habe (an dem Tag, an dem das passiert, ist es, weil ich zu viel Geld verdiene :D). Um diese Regel mit meiner aktuellen Situation (ca. 200K CHF an der Börse) zu brechen, mĂŒsste ich fĂŒr 1M CHF Wertpapiere (200 x 5) kaufen oder verkaufen. Da ist ein Spielraum!
  3. Ich lebe nicht von den Zinsen und Dividenden meiner aktuellen Renditen. Das ist eine der Regeln, gegen die ich verstossen könnte, wenn ich bei FIRE bin, aber auch dann ist es nicht unbedingt so, weil ich von einer Mischung aus Kapitalgewinnen UND Dividenden leben wĂŒrde (und nicht nur von Kapitalgewinnen)
  4. Meine ETF-KĂ€ufe werden nicht von jemand anderem finanziert (das könnte cool sein — falls du je zu viel Bares hast, lass es mich einfach wissen!). Ebenso sind meine Zinsen oder Dividenden wichtiger als passive Zinsen, da ich keine passiven Zinsen zahle. Passive Zinsen sind in diesem Fall dasselbe, als hĂ€tte ich mir Geld geliehen (um zu investieren), fĂŒr das ich Zinsen zahle (wie bei privaten Schulden oder Krediten)
  5. Ich kaufe keine Derivate, weil ich mich damit nicht auskenne

Der Fall, in dem man dir unterstellen könnte, professionell mit Wertpapieren zu handeln, ist, wenn du dich (wie ich) mit Value Investing beschÀftigst (weitere Informationen hier).
Es ist selten, aber ĂŒber diese Art der Anlage halte ich meine Wertpapiere manchmal weniger als 6 Monate. Es ist daher ein interessanter Fall, auf den ich 2021 die Antwort haben werde (ich werde meinen Blogpost dann aktualisieren). Ich denke aber, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich mein Status Ă€ndert, da dies nur ein paar hundert CHF Kapitalgewinn bei einem Gesamtportfolio von etwa CHF 200'000 darstellt. Und auch, weil meine Wertanteile insgesamt nur CHF 30'000 betragen; der Rest sind meine ETF, die ich langfristig halte.

Danach hĂ€ngt die endgĂŒltige Entscheidung, wie jeder sagt, am Urteilsvermögen der Person, die deine Steuern kontrolliert. Wenn letztere ihren gesunden Menschenverstand einschaltet, sollte ich lebenslang sicher sein, es sei denn, ich stelle um auf 50-80% Value Investing, gesehen auf die Gesamtheit meines Portfolios.

"Aber wie können die Schweizer Steuerbehörden diese Kriterien in der RealitÀt bewerten?" höre ich dich jetzt fragen.

TatsĂ€chlich können die Schweizer Steuerbehörden diese Parameter bewerten, da du in deiner Schweizer SteuererklĂ€rung den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren (Aktien oder Anleihen) deklarieren musst. Da ich weiss, dass dies ein Thema ist, das du liebst (na klar...), habe ich fĂŒr dich eine Schritt-fĂŒr-Schritt-Anleitung zum AusfĂŒllen dieses Teils deiner SteuererklĂ€rung in diesem Blogpost.

Sehen wir uns als nÀchstes die Steuern auf die Dividenden an, die du erhalten wirst, wenn du deine ersten Wertpapiere kaufst, damit dein Geld arbeitet, wÀhrend du etwas anderes tust.


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