Sollte ich in spezialisierte ETFs investieren? (Fintech-ETF, Cannabis-ETF, Vegane-Produkte-ETF, Medtech-ETF, Edtech-ETF etc.)

Letzte Woche schrieb mir eine Leserin:

Hallo MP,

Ich schreibe dir, um dir für all deine Artikel und dein Buch zu danken, das ich geliebt habe! Ich habe begonnen, viele der Tipps in die Praxis umzusetzen und die CHF fangen an, sich anzusammeln :)

Ausserdem habe ich eine Frage: Mein Freund sagte mir, dass globale ETFs cool sind für uns als Schweizer "Einzelhandels-"Investoren, aber er sagte mir auch, dass Fintech in den letzten Jahren immer grösser wird und dass die Investition in einen auf Fintech spezialisierten ETF es wert sei. Was meinst du? (Er hat mir auch von Cannabis-ETFs erzählt, aber ich glaube, das ist zu seltsam... :D)

Dank dir im Voraus für dein Feedback!

Abgesehen davon, Ihr nochmal das Prinzip von Diversifikation und der geringstmöglichen Gebühren zu erläutern, und dass niemand vorhersagen kann, wie dieser oder jener spezifische Markt sich entwickeln wird, hatte ich keine weitere konkreten und neueren Daten zu dem Thema.

In der Zwischenzeit jedoch stiess ich auf das Wirtschaftspapier "Wettbewerb um Aufmerksamkeit im ETF-Raum" (einer der Autoren, Francesco Franzoni, ist aus Lugano — Hallo an dich, falls du zufällig hier vorbeikommst, und danke!) von Angang dieses Jahres.

Der Titel ist nicht so aufschlussreich, aber der Inhalt ist sehr interessant. Die Forscher wollten den Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Anleger im Bereich ETF analysieren.

Und das schreiben sie:

"Da die meisten ETFs transparente Anlagevehikel sind, die Indizes passiv nachbilden, können ETF-Anbieter die bisherige Leistung und Kompetenz der Portfoliomanager nicht anpreisen (wie bei Investmentfonds) oder sich auf die Undurchsichtigkeit von Produkten verlassen, um hohe Renditen und Risiken abzudecken (wie bei strukturierten Produkten)."

Das Aufkommen von ETFs

ETFs erblickten 1993 das Licht der Welt.

Ihr Ziel war einfach: maximale Diversifikation durch Nachbildung globaler Indizes zu geringen Kosten für den Anleger.

Dann wurde die Welt der ETFs in dem Ausmass industrialisiert, das Privatanleger ihr gaben, indem sie zum Kauf eilten.

Logischerweise wollten alle Spieler am Finanzmarkt ihren Anteil am Kuchen. Aber in einem sehr wettbewerbsintensiven Feld mit geringer Marge muss man kreativ sein, um zu verkaufen.

So erlebten wir eine Transformation der einfachen und der Mustachian-ETF-Welt in einen Dschungel aus neuen spezialisierten Produkten mit hohen Gebühren, damit die Finanzakteure Profite erzielen konnten. All das besprenkelt mit einer Prise Marketing, wie wir es so gerne mögen...

Evolution der ETF-Spezies (Quelle: 'Competition for attention in the ETF space')

Diversifizierter oder spezialisierter ETF für einen Mustachian-Investor?

Bei der Analyse von Daten von US-ETFs zwischen 1993 und 2019 zeigt das Team hinter diesem Wirtschaftspapier:

  1. Mustachian-Investoren wie du und ich suchen in erster Linie nach maximaler Diversifikation bei geringstmöglichen Gebühren — weil du und ich wissen, dass sich minimale Gebühren auf dem Papier über mehrere Jahrzehnte auf Zehntausende von CHF summieren, und dass Unter-Diversifikation zu viel Risiko beinhaltet
  2. Anleger in spezialisierte ETFs — und daher von Natur aus viel weniger diversifiziert — reagieren empfindlicher auf positive vergangene Wertentwicklungen. Diese Sensibilität wird durch ihre hohe Medienpräsenz (24/7-Nachrichtenseiten und andere Fernsehsender, die über den Aktienmarkt berichten) erhöht, wie im Artikel beschrieben. Wir könnten diese Art von Anlegern "Spieler" nennen

Beide Anlagearten haben ihre Berechtigung. Wenn ich weniger Gebühren zahle, aber weniger Performance habe und die Spieler mehr Gebühren zahlen, aber mehr Gewinne haben, ist es dasselbe.

Der Rest des Papiers erklärt, dass dies nicht die Realität ist. Tatsächlich schneiden spezialisierte ETFs nach ihrer Einführung schlechter ab als stark diversifizierte ETFs. Das ist einfach zu erklären: Spezialisierte ETFs stehen bei der Einführung wegen des Hypes um sie herum im Rampenlicht. Dies impliziert, dass sie überbewertet sind, weil alle Anleger auf sie wetten. Dann ist die Performance nicht da und die Wettenden verkaufen, um etwas anderes zu kaufen, wodurch sie im Vergleich zu Mustachian-Investoren, die ihre diversifizierten ETFs über lange Zeit hinweg behalten, aufgrund ihres exzessiven Tradings Geld verlieren.

Das Fazit des Artikels ist klar:

"Die ursprünglichen ETFs, die breit gefächerte Produkte sind, sind vorteilhafte Anlageplattformen, da sie Transaktionskosten senken und für Diversifikation sorgen. Spezialisierte ETFs reiten die gleiche Welle der Finanzinnovation. Allerdings konkurrieren diese Produkte um die Aufmerksamkeit unerfahrener Anleger, die vergangener Wertentwicklung hinterherjagen und die Risiken vernachlässigen, die sich aus den unterdiversifizierten Portfolios ergeben. Spezialisierte ETFs haben im Durchschnitt eine enttäuschende Performance für ihre Anleger erzielt."


Ursprüngliche Quelle dieses Artikels: Competition for attention in the ETF space (PDF), von Itzhak Ben-David, Francesco Franzoni, Byungwook Kim, and Rabih Moussawi


MEIN BUCH "FREI MIT 40 IN DER SCHWEIZ"

"Deine Artikel sind tolle MP, aber es gibt so viele, dass ich nicht weiss, wo ich anfangen soll, um meine finanzielle Freiheit zu erreichen. Was würdest du empfehlen?"

Nach 1 Jahr intensiver Arbeit, hier ist meine Antwort an einer Stelle kondensiert:

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