Ortsunabhängiger Lebensstil, ein Interview mit Benoît von Novo-monde

Im letzten Winter habe ich mich in einem Bahnhof bei einem heissen Kaffee mit einem anderen Schweizer Blogger namens Benoît unterhalten.
Ich kannte ihn nur durch seinen Rund-um-die-Welt Reiseblog und fand seine Geschichte immer inspirierend, denn eine einjährige Weltreise mit unseren Kindern zu unternehmen, ist eins unserer Lebensziele.

Während wir diskutierten, stellte ich fest, dass wir beide auf Unabhängigkeit abzielten, wenn auch nicht auf die gleiche Art.
Er will das erreichen, was man Standortunabhängigkeit nennt.
Fangen wir mit dem Interview an.


Interview mit Benoît von Novo-monde über Standortunabhängigkeit (Location Independence)

MP: Erzähl uns zuerst ein wenig über dich und deinen Blog.

Benoît: Hey, danke, dass du mich eingeladen hast! Mein Name ist Benoit und ich komme aus den schönen Walliser Bergen in der französischen Schweiz.
Momentan arbeite ich als Web-Entwickler in einem Start-up in Zürich, bin aber auch Teilzeitreiseblogger (ja, ein Reiseblogger in der Mustachian Post :) ).
Um es kurz zu machen, ich fing vor dreieinhalb Jahren gemeinsam mit meiner zukünftigen Frau mit dem Bloggen an. Zu der Zeit waren wir Expats in der coolen Stadt Wien (ich habe dort in numerischer Biomechanik promoviert;) ). Aber es kam der Zeitpunkt, an dem wir beschlossen, dass wir unseren Traum realisieren und für eine lange Zeit die Welt bereisen wollten (die beste Entscheidung unseres Lebens!). Also gaben wir unsere Jobs auf und gingen nach China... wir kamen erst 19 Monate später zurück (das ist 10 Monate her).
Bevor wir abreisten, wollte ich schon immer lernen, wie man eine Website von Null an aufbaut (ich war schon immer ein neugieriger Mensch) und wir suchten nach einer Möglichkeit, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben... Und so begann unser Blog novo-monde.com!
Wir stecken viel Leidenschaft und Energie da rein, um unsere Reiseberichte und -bilder über die gesamte Reise hinweg zu teilen...
Und ich muss sagen, wir hatten viel Spass dabei! Wir haben immer versucht, unsere Leser zu inspirieren und ihnen zu zeigen, wie schön und einfach Reisen sein kann. Was sich in unserem Leben verändert hat? Alles! Wir haben jetzt grosse Träume und glauben fest daran, dass wir sie erfüllen können. Was den Blog betrifft, haben wir uns eine solide Basis an Lesern und eine sehr engagierte Community geschaffen... Jeder einzelne Kommentar, jede E-Mail, jedes Bild..., alles, was wir von ihnen erhalten, ist unser Lohn für die Zeit und Energie, die wir in unseren Blog stecken. Aus einem persönlichen Blickwinkel gesehen, half mir jede Fertigkeit, die ich durch den Blog gelernt habe, von Biomechanik zu Webentwicklung zu wechseln! Ich habe es ja schon gesagt... die beste Entscheidung unseres Lebens!


Benoît und seine zukünftige Frau Fabienne bloggen beide auf novo-monde.com

MP: Bevor wir ins Thema eintauchen; wusstest du, was finanzielle Unabhängigkeit war, bevor du mustachianpost.com gefunden hattest?

Benoît: Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht genau über finanzielle Unabhängigkeit Bescheid, aber ich war bereits wirklich am Thema "passives Einkommen" interessiert. Ich habe nach "passiven Einkommen" gesucht, weil ich unseren wachsenden organischen Traffic monetarisieren wollte, ohne unsere Leser zu nerven (und auch, weil ich es vorziehen würde, einmal eine Menge Arbeit zu machen und etwas passives Geld damit zu verdienen, anstatt die ganze Zeit nach Partnerschaften und ähnlichem zu suchen).
Deshalb habe ich begonnen, auf einigen unserer Seiten Affiliate Marketing zu implementieren...
Aber wenn es gut genug gemacht ist, bin ich sicher, dass es uns ermöglichen könnte, an irgendeinem Punkt FU zu erreichen, obwohl es ein völlig anderer Weg dahin ist, als der, den du gehst :)

MP: Zurück zum Thema. Sagst du uns zuerst, was Standortunabhängigkeit aus deiner Sicht bedeutet?

Benoît: Nun, für mich ist es einfach, meine berufliche Tätigkeit von überall auf der Welt ausüben zu können, solange es eine anständige Internetverbindung gibt :).
Ich spreche von einer Internetverbindung, weil ich vorhabe, online zu arbeiten, aber das muss nicht so sein.
Stellen dir vor, du bist Englischlehrer, du könntest fast überall auf der Welt unterrichten. Aber das ist nicht das einzige Beispiel, die Möglichkeiten sind unbegrenzt!
Du könntest Künstler sein, Kellner, Schriftsteller, Übersetzer...
Natürlich war es in unserem numerischen Zeitalter und mit all den uns zu Verfügung stehenden Tools noch nie so einfach, aus der Ferne zu arbeiten. Es gibt keine Distanz mehr zwischen den Leuten, du kannst Skype-Konferenzen durchführen, es gibt überall 3-4G und einige Unternehmen haben sogar gar keine Büros mehr, da alle Mitarbeiter aus der Ferne arbeiten!
Aber was mir an der geografischen Unabhängigkeit am besten gefällt, ist die damit verbundene Flexibilität. Es wird mir tatsächlich erlauben, meine Arbeit um mein Leben herum zu organisieren und nicht mehr das Gegenteil. Und ich glaube wirklich, dass dies der Weg ist, den ich wählen sollte, um im Leben glücklich zu sein.

MP: Gab es ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Blogpost, der dich dazu brachte, zu denken: "Das ist mein Lifestyle-Traum!"?

Benoît: Es gab kein bestimmtes Ereignis oder einen Blogpost, der mich dazu brachte, so zu denken (natürlich habe ich viele Blogposts zum Thema gelesen)...
Es war eher ein Prozess.
Auf unseren Reisen oder durch unseren Blog haben wir viele Leute getroffen, die geographisch unabhängig waren (zum Beispiel haben wir neulich das Paar von hecktictravels in Finnland getroffen... sie sind wirklich inspirierende Leute, die auf der ganzen Welt House-Sitting machen) und sie sahen wirklich sehr glücklich aus.
Dadurch wurde uns klar, dass es Alternativen zu dem so beliebten "Corporate Lifestyle" gibt, den wir nach unserem Universitätsstudium erleben sollten.
Die meisten dieser Leute besitzen nicht viel (ich meine, kein Haus, kein Auto, keine Möbel...), aber sie sahen glücklicher aus, weil sie dank der Flexibilität, die dieser Lebensstil bietet, einfach spontaner sein können.
Und für mich geht es wirklich ganz darum, meine Lebensqualität zu verbessern, indem ich flexibler bin, weniger an einen einzigen Ort gebunden bin, meine Arbeit so organisieren kann, wie ich möchte, und Gelegenheiten nutzen kann, mein eigener Chef sein kann (auch wenn es keine direkte Folge von Standortunabhängigkeit ist)... und so weiter.

MP: Wie wir Mustachians sagen: "Einen Traum zu haben ist gut. Etwas zu unternehmen, wird dich der Verwirklichung deines Traums näherbringen!"
Habt ihr also eine detaillierte Planung mit den nächsten Schritten und eine "Frist", um es zu schaffen? Wenn ja, wie sieht das aus?!?

Benoît: Ohhhh ja!
2016 wird für mich und meine zukünftige Frau das Jahr der Veränderung sein.
Im Moment haben wir beide einen Job, den wir lieben (sie hat eine 100%-Stelle und ich eine 70%-Stelle), und der erste und nicht der geringste Schritt wird sein, "unsere Jobs aufzugeben". Wenn das erledigt ist, haben wir endlich genug Zeit, uns um alle unsere Projekte zu kümmern – Anmerkung von MP: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatten Benoît und seine Frau tatsächlich bereits gekündigt – das war am 3. Mai – Glückwunsch an die beiden!!!
Wir haben eine wirklich klare Vorstellung davon, was wir in Zukunft wollen.
Wir werden natürlich weiter an unserem Blog novo-monde.com arbeiten (wir planen, ihn bis Ende des Jahres komplett neu zu gestalten), einige Zeit damit verbringen, sein passives Einkommen zu verbessern/optimieren, und arbeiten auch weiterhin mit Tourismusverbänden an verschiedenen Projekten. Wir wollen aber auch unser Einkommen diversifizieren. Wir planen, mindestens zwei neue Websites zu erstellen, eine auf den Schweizer Tourismus fokussiert und die andere auf passives Einkommen (ich möchte eine Nischen-Website ausprobieren). Als persönliches Projekt werde ich versuchen, etwas Zeit auf die Entwicklung eines WordPress-Plugins zu verwenden, das mir kürzlich in den Sinn gekommen ist (ich möchte immer noch ein wenig programmieren :) ).

MP: Kündigen muss einer der schwierigsten Schritte sein! Zum Glück ist es der erste, der zu tun ist.
Und erzähl uns mehr, ist ein Umzug in ein anderes Land bereits im Jahr 2016 geplant?!? Oder plant ihr, die Zeit für die Vorbereitung eurer Projekte in der Schweiz zu verbringen, bevor ihr ins Ausland zieht?

Benoît: Tatsächlich wissen wir das noch nicht :)
Es wird von vielen Faktoren abhängen und wir werden wahrscheinlich ein wenig "Last Minute" entscheiden, abhängig von der Priorität, die wir unseren verschiedenen Projekten geben werden.
Es besteht jedoch eine gute Chance, dass wir für eine Weile ins europäische Ausland ziehen, um unsere Kosten zu senken, während wir eine solide Basis für unser Unternehmen aufbauen. Wir werden aber wahrscheinlich relativ nahe an der Schweiz bleiben, da wir ein Projekt haben, das eng mit unserem schönen Land verbunden ist ;).


‌Einer der Orte, an dem Benoît und Fabienne vielleicht arbeiten möchten: Taiwan.

MP: Was ich mich gefragt habe ist, was die wahre Bedeutung von standortunabhängig für euch ist, sobald euer/eure Unternehmen erst mal eingerichtet und bereit ist/sind, zu rocken: Plant ihr, immer mal wieder umzuziehen? Wie zum Beispiel, das Land alle 3 Monate wechseln, um die Welt zu entdecken? Oder sogar einen "Freestyle-Modus" wie in "Wir haben beschlossen, morgen einen Ort zu verlassen, nur so"? Wie stellt ihr euch eure neue Lebensweise vor?

Benoît: Die wahre Bedeutung von Standortunabhängigkeit ist für mich die Freiheit und Flexibilität zu haben, in einem für uns passenden Tempo zu leben, Gelegenheiten zu nutzen, wenn wir Lust dazu haben, mehr Zeit für verrückte Ideen zu haben, an die wir wirklich glauben. Sowohl Fabienne als auch ich sind fleissige Leute und wir lieben unsere eigentliche Arbeit. Aber manchmal fühlen wir uns ein bisschen in einem Unternehmenssystem gefangen, das nicht wirklich für uns gemacht ist.
Wie oft hätten wir lieber an einem regnerischen Sonntag gearbeitet, als an dem wunderbar sonnigen Dienstag, den wir im Büro verbringen mussten. Wie oft haben wir über einige verrückte Projekte gesprochen, hatten aber nie die Zeit, sie tatsächlich zu verwirklichen.
Warum also nicht einen Lebensstil für uns schaffen, der es uns erlaubt, zu jeder Tageszeit von überall aus zu arbeiten, der uns Gelegenheit bietet, Möglichkeiten zu nutzen und einige verrückte Ideen zu verwirklichen?
Das würde sich für mich viel natürlicher anfühlen!


‌Überall ein fleissiges Paar, sogar bei -10 Grad Celsius in 3500 m Höhe in Chile!

Ich hatte schon während unserer Weltreise dieses Gefühl, dass alles möglich war.
Ich fühlte mich wirklich inspiriert, ich lernte, wie man Webseiten programmiert, ich lernte Spanisch...
Deshalb glaube ich wirklich, dass unser Weg zum Glück von einem flexibleren Lebensstil kommen wird, der mehr Raum für Kreativität lässt, und ich kann es kaum erwarten, so zu leben ;) Um deine Frage zu beantworten, ob wir alle 3 Monate das Land wechseln werden oder nicht, ich würde eher sagen, dass wir uns einfach treiben lassen werden, dahin gehen, wo sich Möglichkeiten bieten, dahin, wo wir hin möchten...
Wir könnten ein Jahr an einem Ort bleiben, zwei Wochen an einem anderen. Es ist nicht wirklich wichtig, weil wir die Freiheit haben werden, das zu tun :)

MP: Und was ist mit Familie? Ich möchte euch nicht ärgern, aber wie stellt ihr euch einen solchen Lebensstil mit einem oder mehreren Kindern vor? Heimunterricht oder nicht? Wurzeln in einem Land und mit der Familie?

Benoît: Ich habe diese Frage irgendwo erwartet, und um ehrlich zu sein, haben Fabienne und ich schon ein paar Mal darüber gesprochen.
Die Sache ist, dass wir im Moment nicht wirklich bereit sind, Kinder zu bekommen. Wir wissen aber auch, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Also haben wir beschlossen, diesen Lebensstil als Paar auszuprobieren und später Lösungen zu finden.
Auf unseren Reisen haben wir viele Familien mit nomadischem Lebensstil getroffen. Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen, und auch wenn es so ist, dass man organisieren und einiges opfern muss, ist es keineswegs unmöglich.
Und ich muss sagen, dass die Kinder dieser Familien, die wir trafen, wirklich glücklich und neugieriger aussahen als durchschnittliche Kinder (nur weil die Leute eher das Gegenteil denken).
Für mich ist Heimunterricht eine gangbare Option, auch wenn, wie gesagt, etwas Organisation erforderlich ist. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wir uns mit einem kleinen Kind gerne an einem Ort niederlassen möchten, an dem wir mehr Stabilität möchten. Wie auch immer, wir werden sehen, wie wir darüber denken, wenn die Zeit kommt.

MP: Und was ist mit Bargeld/Geld? Welches Banking-Setup plant ihr? Einige billige und intelligente Lösungen wie Number26.eu (mittlerweile N26.com)?

Benoît: Nun, wir haben das PostFinance "Plus"-Konto während unserer Weltreise genutzt und es war grossartig.
Wir konnten mit der “Plus”-Karte überall auf der Welt kostenfrei Geld abheben und wir zahlen keinerlei Verwaltungsgebühren, solange wir mindestens CHF 25'000 auf unserem Konto haben.
Es ist wirklich einfach und wir mögen das Webinterface. Also haben wir nicht einmal nach einer anderen Lösung gesucht...
Aber ich hatte von Number26 als sehr interessante mobile Lösung gehört. Ich werde ein Auge darauf haben, aber für den Moment werden wir bei PostFinance und nebenher PayPal bleiben.

MP: Zu guter Letzt: nutzt ihr YNAB (Empfehlungs-Link), um zu wissen, wo ihr seid und wohin ihr finanziell geht, während ihr weltweit unterwegs seid? Oder zumindest eine Ninja-Budget-Kalkulationstabelle?!?

Benoît: Um ehrlich zu sein, der Budget-Verantwortliche im Paar bin NICHT ich...
Das heisst, Fabienne kümmert sich um das Budget.
Während unserer Weltreise war sie ein Tabellen-Ninja. Sie schrieb alles, was wir ausgegeben haben, in ein Notizbuch und fasste alles in Tabellenkalkulationen zusammen.
Nach jedem besuchten Land schrieb sie einen SEHR detaillierten Blogpost über das Budget, das erforderlich war, um im jeweiligen Land zu reisen (wie viel wir für Lebensmittel, Transport, Hotels, Aktivitäten, Extras usw. ausgegeben haben...).
Und diese Artikel waren bei unseren Lesern sehr beliebt, weil sie ihnen eine sehr gute Vorstellung von dem Budget gaben, das sie brauchen würden, wenn sie eine Backpacker-Reise in dieses Land machen würden.
Einige dieser Artikel bringen uns immer noch über 1000 Besuche pro Monat.
Von YNAB habe ich noch nie gehört, aber es sieht ziemlich interessant aus. Vielleicht probieren wir es im September aus, wenn wir anfangen, für uns selbst zu arbeiten:)... Verwendest du es selbst?

MP: Wenn Fabienne diejenige ist, welche, muss sie es sich für euer neues Leben mal ansehen ;)
Ich habe im letzten Jahr einen Beitrag darüber geschrieben, wie diese Software unser Leben verändert hat: Das könnte euch inspirieren und den Start erleichtern!
Nochmals vielen Dank an dich, Benoît, dass du dir die Zeit genommen hast, deine inspirierende Vision (und Geschichte) mit uns zu teilen.


Wenn ihr, liebe Leser, wie ich seid (d. h. leidenschaftlich gerne reist oder eine Weltreise plant), kann ich euch nur empfehlen, novo-monde.com (der Blog ist auf Französisch) zu besuchen. Er ist eine Goldgrube an Informationen!

Was denkst ihr übrigens: finanzielle oder Standortunabhängigkeit? Oder beides?!?


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